20 km
1400 hm
zug (2h)
1+/ Kletterstelle(a)
Ausgedehnte Gratwanderung für Schwindelfreie in den Mürzsteger Alpen.
Ohne viele Umschweife starten wir die heutige Tagestour in Kernhof, genauer gesagt an der Bushaltestelle Kernhof Abzweigung Thalerl. Vorbei an Eisstockverein (Öffentliches WC!) und Feuerwehr bahnen wir uns den Weg hinüber zum rot-markierten Wanderweg 52/53, der in südliche Richtung zuerst über einen Feldweg und dann in ein kleines Tal hinein führt. Es folgt der erste kleinere Anstieg. Durch lichten, aber angenehm kühlen Bergwald, geht es nach oben. Das wird -kleiner Spoiler- nicht immer so bleiben.
Über einen mittelsteilen Kahlschlag steigen wir hinauf zu einer kleinen Felskanzel, die den Steigspuren nach zu schließen auch einigermaßen einfach erklommen werden kann. Wir verzichten aber auf diesen luftigen Abstecher und überqueren sogleich die Forststraße. Der Weg folgt nun dem Kammverlauf, immer leicht nach links hängend und wird zunehmend steiler. Auch das Gelände verändert sich spürbar. Der letzte Abschnitt hinüber zum Waldhüttsattel (1266m) ist nämlich ein recht gut ausgebauter Wandersteig, verläuft aber durch stark abschüssigen Bergwald, kurz sogar durch potentielles Absturzgelände. Bei Schneelage sollte auf diesen Aufstieg also jedenfalls nach Möglichkeit verzichtet werden. Am vorher genannten Sattel geht es dann wieder etwas ruhiger vonstatten, wir treffen auf eine weitere Forststraße mitsamt einem Marterl und einer einladenden Jausenbank, die wir für eine kleine Verschnaufpause nutzen können. Sodann marschieren wir linkerhand weiter, auf den Rücken hinauf, der uns auf die einladend-ausladende Wiesenfläche der Hofalm führt.
Von der flachen Kuppe des wiesenbewachsenen Schnalzsteins (1546m) lässt sich gut der weitere Wegverlauf ausmachen. Durchaus imposant gibt sich hier die Nordseite des Gippels. Erstmals werden wir uns auch der mächtigen Felsabbrüche bewusst, die von hier bis zum rund acht Kilometer entfernten Preinecksattel das Landschaftsbild bestimmen.
Vom kurzfristigen Zwischenziel steigen wir wieder hinunter auf den Almboden, überqueren diesen in südliche Richtung, wobei wir auch einen Blick auf die nahe Kohlröserl-Hütte auf der Hofalm werfen können.
Wir überwinden ein kleines Köpferl und finden uns mitten auf dem Gratverlauf wieder, der sich zum markanten Gipfel des Gippel (ich weiß, ich weiß “Gippel-Gipfel” könnte durchaus als kleiner Zungenbrecher durchgehen) hinüberzieht. Spürbar felsiger und zunehmend schmäler windet sich der Pfad nach Osten, immer rechterhand der links steil abfallenden Geländekante. Im Mittelteil braucht es kurz ein paar konzentriert gesetzte Schritte und teils geht es auch auf der rechten Seite ordentlich nach unten, ansonsten halten sich die Schwierigkeiten beim Transfer hinüber zur Polwischalm aber in Grenzen. Ein normaler Wanderweg für Kind und Kegel ist der Pfad aber dennoch nicht, im Gegenteil er stellt eher eine gute Einstimmung auf den noch folgenden Wegabschnitt dar.
Vorher geht es aber noch ein kurzes Stück bergab zum Sattel an der bereits genannten Polwischalm, wo sich im Sommer gerne ein paar Kühe an der grünen Wiese gütlich tun. Am Ende der Freifläche müssen wir uns dann für den letzten Wegabschnitt entscheiden. Entweder folgen wir nach rechts dem Roman-Majewski-Steig, welcher uns unterhalb des Gipfels auf die Seite der Gippelalm hinüberführt. Oder wir steigen links hoch bis an das scheinbare Ende vom Gelände, steigen über einen Weidezaun und befinden uns damit direkt am Einstieg des (zumindest hier) unmarkierten ÖBRD-Steigs (laut Internet 1+/A/B; meiner Meinung nach halten sich die Schwierigkeiten in Grenzen, er ist halt einfach im ersten Abschnitt ganz ordentlich ausgesetzt und es braucht vielleicht etwas Geschick und Überwindung beim Abklettern der Kletterssteigstelle).
Während der Grat immer spitzer zuläuft, freuen wir uns über jedes kleine Bäumchen, welches uns hier noch angenehme Kühle spendet, denn Schatten ist von hier bis zum Gipfel absolute Mangelware. Am Ende des kleinen Bergwäldchens stehen wir dann recht unvermittelt vor dem Ende des Weges. Zumindest scheint es so, denn an ein Weiterkommen ist hier auf den ersten Blick nicht zu denken. Die Schlüsselstelle -und gleichzeitig der einzig versicherte Abschnitt des Steigs- überwindet den schärfsten Gratabschnitt mithilfe einiger gezielt platzierter Klampfen und dem einen oder anderen Stahlseil. Die Kletter(steig)schwierigkeit begrenzt sich auf ein absolutes Minimum (A/B), die viel beschworenen Schwindelfreiheit und Trittsicherheit sind hier aber zwingend erforderlich. Links geht es hier ein paar hundert Meter fast senkrecht nach unten, rechts immerhin auch um die hundert. Spannenderweise müssen wir die Kletterstelle aber nicht hinauf- sondern abklettern. Das stellt vielleicht auch die größere Herausforderung dar, als die reine Kletterschwierigkeit, denn es erfordert wie gesagt etwas Überwindung hier in den doch recht abschüssigen Gratverlauf hinein- und hinunterzukraxeln, als es vielleicht im Aufstieg der Fall wäre. Mit etwas nachgeschärfter Konzentration, immerhin befinden wir uns bereits in einem recht fortgeschrittenen Abschnitt der Tour, hangeln wir uns am Stahlseil nach unten. Etwas Vorsicht, denn oft hat das Seil ein wenig Spiel und ist bei einer Sanduhr im unteren Teil besonders locker verlegt worden. Wir verlassen über eine letzte leicht ausgesetzte Querung den Mittelteil und begeben uns hinüber in die abgewaschenen Felsstufen des südwestlichen Gipfelaufbaus. Hier ist die Wegfindung nicht immer so einfach und der Weg teils schlecht bis gar nicht markiert. Da hilft nur immer wieder ein beherzter Blick auf die Karte, denn das wesentlich verweilfreundlichere Gelände ist dafür nach der doch etwas pulsaktivierenden Partie von vorhin recht gut geeignet. Wir halten uns, auch wenn so manche Steigspur etwas anderes vermuten lassen würde, eher links und überwinden in weiterer Folge unschwierig zwei kleine Felsbänke.
Nach einem letzten Aufschwung stehen wir auf plattigem Fels und genießen den Rückblick auf den vorangegangenen Gratverlauf. Insbesondere die Steilabbrüche wirken von hier aus noch imposanter und wir bekommen einen guten Eindruck von den bisher zurückgelegten neun Kilometer. Relativ flach geht es dann hinüber zum Gipfel des 1669m hohen Gippel.
Von der Felskanzel des Gupfs genießen wir einen herrlichen Rundumblick. Nach einer kurzen Pause und dem obligatorischen Gipfelfoto steigen wir hinunter Richtung Gippelalm. Über einen deutlich einfacheren Wanderweg geht es durch Latschen und über kleinere Weideflächen dahin.
Am Gippeltörl wechseln wir dann -gottseidank- endlich auf die dunkle Seite des Mondes, denn der Treibsteig liegt angenehm schattig auf der Nordseite der Felswände des Gippels und kann dadurch mit durchaus erträglichen Temperaturen aufwarten. Entgegen der Kartenmarkierungen handelt es sich hier aber nicht wirklich um einen Kletter-, sondern einen gut ausgebauten und nur kurz mit einem Stahlseil versicherten Wandersteig, auf dem dem Namen nach auch Kühe mehr oder weniger gemütlich auf die Almfläche gelangen können oder konnten. Auf dem schmalen Pfad geht es schnell bergab, die eng gezogenen Serpentinen mit dem knallgrünen Bewuchs wecken dabei Erinnerungen an die Nordseite des Schafbergs. Bald finden wir uns wieder in der gewohnt hügeligen Bergwelt des südlichen Mostviertels. Der Gippel erscheint in dieser Landschaft fast wie eine unnatürliche Erscheinung, genauso wie der von beinahe omnipräsente und weithin sichtbare Bruder Ötscher.
Es folgt ein etwas mühsamer Waldabschnitt, bei dem wir zwar auch ein paar Negativhöhenmeter, aber vor allem Kilometer abspulen und schön langsam machen sich die Beine auch bemerkbar. Zudem zieht sich die Vegetation wieder etwas zurück und wir verbringen weite Wegabschnitte wieder in der prallen Sonne. Nicht unwesentlich, denn die Wasservorräte sind an dieser Stelle vermutlich schon zusammengeschrumpft und die Energie geht auch schön langsam zur Neige. Eine Forststraße bringt uns dann schließlich zum Parkplatz beim Gehöft Zögernitz. Hier wäre für die meisten, autobewehrten Wandersleute die Tour auch schon zu Ende…
…nicht aber für uns, denn als brave Erdenbürger gönnen wir uns auch noch den elendigen Hatscher auf der von der Sonne backofenartig aufgeheizten Straße. Diese bringt uns völlig unereignisreich, aber brennheiß, in gut vier Kilometern nach St. Aegyd am Neuwalde und damit zur schon sehnsüchtig herbeigewünschten Busanbindung. Das verheißungsvolle Bachbett an der Straße füllt sich dabei im Hochsommer erst im letzten Drittel des Abschnitts und kann daher nur bedingt für Abkühlung sorgen. Ein kleiner Trost: Direkt neben der Bushaltestelle befindet sich dann aber ein Supermarkt, bei welchem sich auch der gröbste Durst stillen lässt.