Via degli Dei - Am Götterweg von Bologna nach Florenz

20. September 2025


Etappe 1: Bologna - Sasso Marconi

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Via Degli Dei – Tag 1

22 km

600 hm

zug (11h)

leicht

Von der “fetten” Stadt in die karge Wildnis. Tag eins auf der Via degli Dei.

La Dotta, la Rossa e la Grassa, also die Gelehrte, die Rote und die Fette, so lautet die oft nicht ganz unironische Selbstbezeichnung der Hauptstadt der Emilia-Romagna. Vom Trubel der pulsierenden Studentenstadt (älteste Universität Europas, gegründet im Jahr 1088), mit seinen unzähligen Bars, Restaurants und Trattorien unter den markanten roten Ziegeldächern ist allerdings zu so früher Stunde kaum etwas zu spüren. Denn der Nachtzug erreicht den Bahnhof Bologna Centrale zu einer geradezu unchristlichen Stunde, was uns genügend Zeit gibt den Charme und die Atmosphäre der mittelalterlichen Altstadt ganz ohne Touristenmassen in uns aufzusaugen. Klassischerweise startet die Via degli Dei am Neptunbrunnen, eines vom flämischen Bildhauer Giovanni da Bologna (vulgo Giambologna) geschaffenen Skulpturenensembles mitten im Herzen Bolognas. Wir nutzen allerdings schon die ersten Kilometer vom Bahnhof ins Zentrum als kleine Aufwärmübung und als Eingewöhnungsphase für den (wie immer viel zu schweren) Rucksack.

 

Vom Hauptplatz, der Piazza Maggiore, gehen wir in südliche Richtung, vorbei an der eindrucksvollen, aber unvollendeten Basilika San Petronio. Über die Via Farini biegen wir in die Via Saragozza ein, die sich durch die gleichnamige Porta Saragozza zum westlichen Ortsende hinzieht. Hier beginnt auch der gut vier Kilometer lange Portico, der sich aus der Stadt hinaus auf den Colle della Guardia zieht. Der wohl längste Arkadengang der Welt. Die erste Hälfte des Weges geht es noch flach dahin, dann quert der Wandelgang am Arco del Meloncello eindrucksvoll, aber doch etwas unvermittelt die Straßenseite.

Es folgt der unschwierige, aber dennoch schweißtreibende Anstieg auf den zuvor genannten Colle della Guardia, an dessen Spitze sich das Santuario della Madonna di San Luca befindet. Der auf rund dreihundert Metern Seehöhe gelegene protzige Monumentalbau aus dem 18. Jahrhundert soll nicht nur ein Marienbild aus den Händen des Evangelisten Lukas enthalten, er bietet auch den vielleicht besten Blick auf die Regionalhauptstadt, sowie die umliegende Hügellandschaft der südlichen Emilia Romagna. Der Anstieg bietet aber auch eine gute Gelegenheit die Beine auf die kommenden Tage vorzubereiten und gegebenenfalls das Gewicht des eigenen Rucksacks noch einmal zu überdenken. Hat man sich ein ausreichendes Bild des 1907 zur Basilika Minor erhobenen Sakralbaus gemacht, geht es auf der anderen Seite ebenso steil wieder nach Casalecchio ins Reno-Tal hinunter. Zuerst noch über die Straße, stapfen wir schon bald auf einem staubigen und ausgewaschenen Waldweg nicht gerade gelenkschonend nach unten. Noch bevor wir das Ortszentrum erreichen, biegen wir nach links in eine weitläufige Parkanlage ein, die in südliche Richtung parallel zum Fluss verläuft. Je weiter wir vordringen, desto karger wird dabei die Landschaft. Die saftigen Wiesen und schattenspendenden Baumriesen weichen immer mehr sandigem Schwemmland, welches nur vereinzelt Bäumen und Sträuchern als Heimat dient. Man merkt auch am sandigen Untergrund, dass sich der Reno nicht immer so brav in sein Flussbett zwängen lässt.

Während wir noch mit der Sonnencreme beschäftigt sind und uns voller Panik ausmalen, dass wir womöglich die nächsten Stunden durch diese erbarmungslos sonnige Steppenlandschaft wandeln werden, tauchen wir auch schon wieder in dichten und angenehm kühlen Auwald ein. Doch auch dieser  trägt ganz eindeutig die Spuren (nicht sehr lang) vergangener Unwetter und Überflutungen. Wir treffen hier aber auch auf ein kleines Team aus Freiwilligen, die gerade dabei sind den Wanderweg wieder auf Vordermann zu bringen. Wir durchqueren eine abwechslungsreiche Landschaft zwischen Flussbett und hoch aufragenden Sandsteinfelsen, bevor wir kurz nach Pontecchio Marconi über den schon etwas in die Jahre gekommenen Ponte Vizzano den Reno überqueren. Entlang der wenig lieblichen Landstraße kämpfen wir uns an unser Tagesziel in Sasso Marconi. Äußerst empfehlenswert: Eine Einkehr oder auch nur ein Abendessen im Agriturismo Rio Verde (an der SP74 Richtung Mongardion). Das Landgut ist malerisch gelegen und das Essen grandios und dabei aber gnadenlos authentisch.

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Via Degli Dei – Tag 2

23 km

1200 hm

zug

mittel

Schöne Sicht und schirche Straßenhatscher. 

Heute wollen wir es bis in das beschauliche Dörfchen Monzuno schaffen. Die 23 Kilometer klingen zwar nicht allzu dramatisch, die vielen Höhenmeter sollte man aber dennoch nicht ganz unterschätzen. Die zweite Tagesetappe beginnt mit einem wenig schmeichelhaften Stadtspaziergang durch das industriell geprägte Sasso Marconi. Wir passieren das weitläufige Sportgelände, sowie den Lokalbahnhof und überqueren dann auf der Ostausfahrt den Reno. Ein kurzes Stück nach links über die viel befahrene Straße, dann geht es auf der gegenüberliegenden Seite in den Wald hinein. Der schmale und steile Wanderweg hinauf zum Sattel La Piazza ist besonders im unteren Teil ordentlich ausgewaschen und nicht gerade eine Freude zu gehen, weiter oben ist der Pfad dann aber wieder gut befestigt und an den entscheidenden Stellen sogar mit einem Geländer versehen. Oben angekommen begrüßen uns wieder sanfte Wiesenflächen und ein herrlich-romantischer Rückblick auf Bologna.

Schotterstraßen wechseln sich auf den nächsten Kilometern mit kurzen Straßenabschnitten ab. Immer wieder trifft man auf Spuren der Zivilisation, ganz der wildromantischen Natur des Apennin haben wir uns an dieser Stelle also wohl noch nicht hingegeben. In leichtem Auf und Ab wandern wir vorbei am Monte del Frate Richtung Brento. Kurz vor Erreichen des winzigen Bergdorfes begrüßt uns allerdings kein Schild mit dieser Aufschrift, sondern eines von Monzuno. Nach kurzer Verwirrung ist auch geklärt, dass wir noch nicht unser Tagesziel erreicht haben, sondern nur die Grenze des korrespondierenden Verwaltungsbezirks erreicht haben. Direkt nach der Tafel müssen wir uns auch entscheiden, ob wir die zusätzlichen rund einhundertundfünfzig Höhenmeter und ein bis zwei Kilometer Mehrweg in Kauf nehmen wollen, um den benachbarten Monte Adone zu besteigen, oder geradeaus den Direktweg nach Brento anzupeilen. Der unscheinbare Gupf entpuppt sich auf der Rückseite durch seine steil abfallenden Felsformationen als echtes Postkartenmotiv, das auch kaum in einem Reiseführer fehlen darf. Umso enttäuschter sind wir zwar, als wir die Entscheidung treffen, die Bergetappe gegen ein kühles Getränk in der nächsten Bar zu tauschen, in Anbetracht der brütenden Mittagshitze und der schon etwas müden Beine, ist dies aber einfach die bessere Entscheidung. Die paar hundert Meter nach Brento sind dann wenig spannend, verlaufen aber über eine schattige Schotterstraße und im Ort gibt es tatsächlich mit der Vecchia Trattoria Monte Adone ein kleines Beisl mit Speisen und Getränken, bei dem sich gut und gerne eine Rast einlegen lässt.

Der folgende Abschnitt gehört gleichzeitig landschaftlich zum Schönsten und wegmäßig zum absolut Schirchsten, das die Via degli Dei zu bieten hat. Auf den restlichen elf Kilometern nach Monzuno folgt der Weg entweder direkt dem Straßenverlauf, oder schlängelt sich in geringem Abstand an dieser entlang. Entlohnt wird man dafür mit einem netten Rückblick auf den Monte Adone, so wie weit streifende Aussichten in die umliegende Landschaft. Ein wahres Highlight sind auch die vielen selbst gebastelten Hinweisschilder, Picknick- und Wasserstellen, sowie selbst organisierte Mistkübel entlang des Weges. Im sonst oft gegenüber fremden sehr verschlossenen wirkenden Häusern und Grundstücken (ich sage nur attenti al cane und proprietà privata) ist diese Form der anonymen Gastfreundschaft absoluter Balsam für die Seele. Vorerst sind die Routenbauer auch noch bemüht die Asphaltpiste bei jeder Gelegenheit zu verlassen. Was folgt sind ein paar abenteuerliche Single-Trails durchs Gemüse, ohne jedoch je die nahe Straße aus den Augen (oder zumindest Ohren) zu verlieren.

Nach dem etwas mühseligen Auf und Ab glauben wir schon fast an eine wundersame Besserung, als wir ein abstrus wirkendes Sockentor durchschreiten, an dem Wandersleute einem definitiv schrägen Brauch folgend, eine ihrer Socken zurücklassen. Spätestens aber im kleinen Ort Selve hat uns aber die Straße endgültig wieder. Der Weg hinauf nach Monzuno verläuft direkt auf der viel befahrenen SP59 und wer den italienischen Fahrstil kennt (schlecht und viel zu schnell) weiß, dass diese Passage nicht nur unangenehm sein kann, sondern auch echt gefährlich. Besser also einmal mehr den Weg hinter die schützende Leitplanke nehmen, als einmal zu wenig. Warum hier keine bessere Alternative gefunden werden konnte, ist mir absolut unbegreiflich. Schließlich landen wir aber doch über einen kurzen, aber steilen Anstieg im beschaulichen Monzuno, wo es zur Ehrenrettung nicht nur eine (etwas spelunkenhafte) Bar gibt, sondern auch kleine Einkaufsmöglichkeiten samt einer Apotheke mit 24h-Automat. Nicht direkt am Weg, aber dennoch sehr empfehlenswert liegt das B&B Lodole Country House. Das wunderschön renovierte Landgut kann neben einer herrlichen Fernsicht und einem Pool auch mit einem qualitativ grandiosen Frühstücksbuffet aufwarten.


etappe 3: Monzuno - bruscoli

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Via Degli Dei – Tag 3

20 km

1300 hm

zug

mittel

Wer Auf sagt, muss auch Ab sagen.

Wie so oft starten wir unseren Spaziergang mit einem anregenden Aufstieg. Am Sportplatz von Monzuno geht es teils durchaus steil nach oben. Wir genießen den Rückblick aufs Dorf und vielleicht auch zum letzten Mal auf Bologna und begeben uns auf den Hügelrücken. Wir passieren mit dem Rifugio del Viandante nicht nur eine potentielle Nächtigungsstätte, sondern wie es scheint eine richtige Hippie-Kommune. Außerdem wandern wir entlang des Monte Venere, aufgrund des Bezugs auf die betörende Göttin Venus auch einer der Namensgeber der Via degli Dei. Kurzdarauf spazieren wir gemütlich durch die Piana deli Castagni, einen wirklich liebreizenden Kastanienhain, bevor es wieder in den Wald zurück geht.

Nach einem kurzen mittelsteilen Waldabschnitt erreichen wir den vorläufigen Höhepunkt unserer Tour, wenn auch definitiv nicht optisch. Die Sendeanlage kurz vor dem Monte Poggio Santa Croce ist alles andere als ein Hingucker, aber auf jeden Fall ein guter Orientierungspunkt auch bei schlechterem Wetter. Nunmehr geht es leicht bergab in das filmreif verschlafene Dörflein Le Croci mit seinen alten Bauernhäusern und der teils verfallenen Dorfkirche.

Wir verlassen die kleine Häuseransammlung nach Südwesten. Der Weg windet sich der Hügelkette entlang hinüber zum Monte del Galletto mit seinen aus dieser Perspektive fast schon bedrohlich wirkenden Windrädern. Dass diese bei der Lokalbevölkerung nicht immer auf Gegenliebe stoßen, ist hinlänglich bekannt. Dass sie allerdings an der absolut richtigen Stelle stehen, wird an diesem stürmischen Spätsommertag mehr als deutlich. Der folgende Abstieg bietet eigentlich alles, was das Herz sich von einer Mittelitalien-Reise wünscht. Weite Landschaften, saftige Hügel und verstreute Landgüter und der eine oder andere altertümliche Sakralbau.

Der Weg hinunter und hinein nach Madonna dei Fornelli zieht sich dann überraschend dahin, weshalb sich das beschauliche Städtchen auch optimal für eine kurze Rast anbietet. Neben mehreren Lokalen gibt es auch ein paar kleinere Geschäfte, um den schrumpfenden Lebensmittelvorrat (oder auch einfach nur den Blutzuckerlevel) wieder etwas auf Vordermann zu bringen. Der Weg aus dem Ortskern hinaus gestaltet sich dann etwas holprig. Mit vollem Bauch gehen sich die folgenden Höhenmeter in den Bergwald hinein nicht unbedingt leichter, als die bereits vergangenen. Wir folgen dem Höhenzug nach Süden und treffen kurz hinter dem Monte dei Cucchi zuerst auf eine Forststraße und wenig später sogar wieder auf Asphalt. Diese führt uns leicht bergab nach Pian di Balestra. Solltet ihr wie wir auf dem Höhenzug in ein Unwetter geraten, bietet sich das hier gelegene Rifugio “Casa delle Guardie” perfekt für eine kurze Verschnaufpause und einen heißen Tee an. Weiter geht es über die Via Bastione, die die örtlichen Ferienhäuser mit der Außenwelt verbindet. Am Passo di Monte Bastione geht es dann wieder in den Forst hinein.

Historisch interessierten bietet sich hier auch zum ersten Mal richtig die Gelegenheit die römische Militärstraße Via Flamina in Augenschein zu nehmen, die hier erfolgreich ausgegraben wurde. Wir wandern weiter durch den Wald, bis wir auf eine weitläufige Weidefläche stoßen. Bei einem kleinen Bauernhof mit einem alten verlassenen Piaggio Ape verlassen wir den Weitwanderweg und steigen dann zuerst über steile Feldwege, später über ebenso steile Asphaltpisten hinunter ins 130-Seelen-Dorf Bruscoli, unser Tagesziel. Auf diesem Abschnitt ist die Suche nach Unterkünften nicht ganz so leicht, weshalb es oft erforderlich ist, ein Stück weit vom Weg abzugehen. Viele Unterkünfte bieten aber auch die Möglichkeit eines Transportes von der oder zurück zur Via degli Dei. Diese Angebote sollte man nicht scheuen, denn ein Mehrweg von mehreren Kilometern und einigen hundert Höhenmetern zusätzlich kann auch schnell zur unnötigen Belastung ausarten. In Bruscoli gibt es ein kleines Restaurant und ein paar versprengte Unterkünfte. Ohne Bedenken empfehlen können wir das winzige Zwei-Zimmer-B&B Giu&Dany mitten im Ortskern gegenüber der Kirche.

etappe 4: Bruscoli - San Piero a Sieve

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Via Degli Dei – Tag 4

33 km

1300 hm

zug

schwer

Königsetappe, kein Kindergeburtstag.

Der Mittelteil der Via degli Dei bietet leider weitaus spärlichere Unterkunftsmöglichkeiten, als etwa die stärker besiedelten Gebiete zu Beginn, oder am Ende der Wanderung. Deshalb ist nicht nur etwas Kreativität in der Planung, sondern auch das Absolvieren mitunter ordentlich langer Tagesetappen notwendig. Auch im Hinblick auf die normal veranschlagten fünf bis sechs Wandertage geht es kaum umhin, dass man nicht zumindest einmal auf der Wanderung ordentlich Kilometer “kassiert”. Bei uns ist dies der Fall auf der vierten Etappe. Der Weg ist nicht wirklich anspruchsvoll, über dreißig Kilometer bei 1300 Metern in der vertikalen sind aber durchaus eine Ansage. Umso wichtiger ist es den Tag gemächlich zu beginnen, viele Pausen einzulegen und sich den Weg schön scheibchenweise in besser verdauliche Abschnitte einzuteilen. Glücklicherweise können wir zudem auch auf die Unterstützung unseres Hausherren zählen, der uns freundlicherweise Richtung Passo del Passagere und damit wieder hinauf zum eigentlichen Wanderweg befördert. Ohne diesen bereits angeteaserten Shuttle-Service wäre die folgende Monster-Wanderung kaum schaffbar gewesen.

Wir stapfen also (oder gottseidank nur) das letzte Stück hoch zur Passhöhe. Immer öfter wird hier auch die militärische Bedeutung des Höhenzugs deutlich, immerhin verlief hier im zweiten Weltkrieg auch ein Teil der Gotenstellung und damit eine wichtiger Abschnitt der deutschen Verteidigungslinie im zweiten Weltkrieg. Davon zeugen nicht nur viele verfallene oder nicht mehr genutzte Gebäude, sondern auch sehr viele Zäune mit massenweise Stacheldraht. Es ist auch ein erster Vorbote was uns in wenigen Kilometern noch erwartet. Vorerst kann davon aber noch keine Rede sein. Wir umrunden den kleinen (und stacheldrahtumzäunten) Lago del Passeggere um dann etwas gemächlicher zur bewaldeten Kuppe La Banditacce hochzusteigen. Normalerweise würde man dieser unscheinbaren Erhebung im Nirgendwo kaum Beachtung schenken. Hier kündigt aber eine mit allerhand Stickern beklebte Glocke davon, dass an diesem Ort etwas besonders sein muss. Und in der Tat handelt es sich bei der auf 1204 Meter über Seehöhe gelegenen Anhöhe um den höchsten Punkt des gesamten Trekks. Außerdem liegt die Glocke ziemlich in der Mitte der Via degli Dei. Ein guter Grund also die zweite Halbzeit gebührend einzuläuten.

Die antike Militärstraße Via Flamina führt uns dann zu einem ganz anderen Relikt vergangener Kriegstage. Auf dem berühmten Passo della Futta findet sich mit dem “Deutschen Soldatenfriedhof Futapass” der größte Soldatenfriedhof Italiens. Unter dem bedrückenden Mahnmal am Gipfel der Anhöhe liegen hier rund 30.000 gefallene Deutsche Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg begraben. Ironischerweise sind der Friedhof mitsamt kleinem Besucherzentrum inklusive Wartebereich und Toilettenanlagen einer der einladendsten Pausenplätze, die uns auf der gesamten Wanderung untergekommen sind.

Gleichsam erlangte der Pass auch Berühmtheit durch die ausgetragenen Etappen der Mille Miglia, sowie einiger Bergwertungen des Giro d’Italia. Wir bekommen bei diesem Sauwetter von all dem Trubel allerdings ohnehin wenig mit und machen uns nach einer kurzen Verschnaufpause auf den Weiterweg.

Wir steigen überqueren die Straße und steigen dann relativ unaufgeregt und bei null Fernsicht hinauf zum Monte Gazzaro. Der Gipfel des 1125m hohen “Bergerls” wäre grundsätzlich der perfekte Ort für einen kurzen Boxenstopp, immerhin warten einige Jausenbänke brav auf müde Wanderer, Wind und Hochnebel vermiesen uns dies aber an diesem Tag gehörig. Auch das Fenster mit Blick auf Gipfelkreuz und die Tricolore will bei diesem Wetter nicht so richtig zur Geltung kommen.

Vollends vermiest uns die Tour dann aber wider allen Erwartens nicht die Witterung, sondern ein kleines unscheinbares Hinweisschild am höchsten Punkt der Erhebung, der uns in überbordendem Italienisch erklärt der Weg sei versperrt. Es würden ihn allerdings nicht die Toten halten, sondern ein Erdrutsch habe den Steig kurzerhand in einen Ex-Steig verwandelt. Also alles wieder retour und hinunter zur gut einen Kilometer entfernten Abzweigung. Warum weder beim Club Alpino oder auch sonst wo jemand auf die Idee gekommen ist, die Wegsperre schon etwas früher anzukündigen, weiß wohl nur der Heilige Super Mario. Aber es hilft ja nichts, wir nehmen die gut zwei Kilometer und 150 Höhenmeter extra auf unser ohnehin schon pickepackevollen Etappe murrend in Kauf und begeben uns auf die Umleitung, die teils über besch…eiden in Schuss gehaltene Wanderwege, teils über gut befestigte Flanierwege den Gipfel des Monte Gazzaro umgeht, dabei nette Tiefblicke auf den künstlichen Lago di Bilancino freigibt und am Passo dell’Osteria Bruciata wieder auf die Originalroute stößt. Osteria gibt es hier irgendwo im Nirgendwo leider keine, aber zumindest zwei Picknicktische für eine dringend notwendige Pause.

Die Anhöhe mitsamt Rastplatz steht wortwörtlich am Scheideweg, fortan geht es fast nur noch bergab, die restlichen siebzehn (!) Kilometer haben es, allein schon durch die einschüchternde Distanz,  noch ordentlich in sich. Wir wandern weiter den Höhenzug entlang, vorbei an Monte Alto (stolze 960 Meter hoch) und Monte Linari, bis wir zu einer eigentlich recht unscheinbaren Abzweigung gelangen. Hier muss man aber genau aufpassen, denn während sämtliche Tourenbeschreibungen und Karten hier weiter geradeaus nach Süden führen, zweigt die neue Routenführung hier auf direktem Weg nach Sant’Agata ab. Wirklich kommuniziert wird diese Entscheidung abermals nicht wirklich und wir wissen auch sonst nichts von einer etwaigen Wegumleitung, weshalb wir munter geradeaus weitermarschieren. Nach kurzer Zeit folgt eine weitere Kreuzung, bei der nunmehr nur mehr der Weg nach Galliano markiert ist. Ein Umweg von locker fünf, sechs Kilometer. Für uns absolut keine Alternative, also stapfen wir weiter auf dem offensichtlich mit viel Leidenschaft ent-markierten Via degli Dei. Man hat sich sogar die Mühe gemacht die rot-weißen Markierungen von den Bäumen zu hobeln.  Nach einem recht unangenehmen Abstieg über eine steile Schotterstraße heißt es dann endgültig Land-Ende. Vor dem Hof einer Frau mittelfortgeschrittenen Alters, die zufällig gerade mit zwei Carabinieri vor ihrem Anwesen steht, ist die Straße provisorisch, aber nachdrücklich gesperrt und als Privatgrundstück beschildert. Entweder hatte die Dame ein paar schlechte Erfahrungen mit wanderndem Fußvolk, oder sie ist einfach nur zwider. Gnädigerweise hat man allerdings einen improvisierten Abschneider hinüber nach Sant’Agata angelegt. Das winzige Dorf lag ursprünglich etwas abseits des Weitwanderwegs, zieht nun aber viele erschöpfte Geister an, die sich in der einzigen Bar im Ort erholen und sich am absolut grandiosen Kellner erfreuen, sowie der für Italien fast schon unerhört guten und internationalen Musikauswahl.

Uber gibt es hier nur sehr sporadisch und der letzte Bus ist bereits vor einer halben Stunde gefahren. Es hilft also alles nichts und wir schwingen uns die schweren Rucksäcke auf die steifen Rücken. Die verbliebenen acht Kilometer werden wir auch noch irgendwie runterradeln. Leider führen die aber großteils über eine erstaunlich stark befahrene Landstraße und wieder einmal zeigt sich, dass Italiener:innen entweder nicht Autofahren können oder wollen. Die oft viel zu knapp vorbeifahrenden Autos machen das Wandern im Dämmerlicht noch unangenehmer als es mit gut 24 Kilometern in den Füßen ohnehin schon ist. Da bleibt auch fast zu wenig Gelegenheit die herrliche Landschaft gebührend zu genießen. Schlussendlich überqueren wir noch die ebenfalls recht geschäftige Bundesstraße und schleppen uns dann durch den Stadtpark ins Zentrum von San Piero a Sieve. Unsere bescheidene Absteige heute das etwas abgedrehte Hotel La Felicina, welches von Bruno Ducci, einem leidenschaftlichen Sammler und Modellbauer einzigartig eingerichtet wurde. Das Frühstück ist zudem (wie schon so oft auf dieser Reise) absolut grandios. 

etappe 5: San Piero a Sieve - Olmo

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Via Degli Dei – Tag 5

21 km

1200 hm

zug

leicht

Sightseeing Deluxe am vorletzten Tag auf der Via degli Dei.

Wir verlassen das Ortszentrum von San Piero sicher nicht so frisch, wie wir schon einmal gewesen sind. Der Vortag steckt uns nicht nur im übertragenen Sinne noch in den Beinen. Wir passieren die Fortezza Meicea, die wir leider nur von der Weite betrachten können, wandern entlang eines etwas weniger historisch bedeutsamen Campingplatz entlang und erreichen dann die Schnellstraße SS65. Auf der anderen Seite geht es dann über eine baumgesäumte Allee durchaus steil hinauf zur Villa del Trebbio.

Das opulente Anwesen, das auch auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste aufscheint, befindet sich allerdings in Privatbesitz und wird gerade aufwändig restauriert. Deshalb gibt es so gut wie keine Möglichkeit gibt mehr als ein paar entbeinte Nebengebäude und die Umfassungsmauer aus der Nähe zu betrachten. Also lassen wir das beeindruckende Beispiel menschlicher Hybris und Ausbeutung rechts liegen und steigen hinunter nach Tagliaferro. Abermals schickt uns hier eine Umleitung auf Abwege, dieses Mal allerdings sogar rechtzeitig und gut beschildert. Es gilt eine beschädigte Brücke zu umgehen, was uns wieder ein paar Kilometer mehr einbrockt. Dazu führt die Umleitung auch noch direkt über die örtliche Schnellstraße. Entspannung geht anders. Anschließend gönnen wir uns eine bescheidene Pause im noch bescheideneren Ortskern und spazieren dann hoch in die Hügel um Borgo San Lorenzo. Am/in Camporomano treffen wir zwar auf wenige Römer, aber eine nette Freifläche samt Jausenstein.

Wenig später passieren wir die eindrucksvollen Ruinen der Badia del Buonsollazzo. Die 1084 gegründete und mehrfach aus- und umgebaute Klosteranlage steht nunmehr seit Jahrzehnten leer und scheint -trotz angeblicher Bauprojekte- gänzlich dem Verfall preisgegeben. Ein Stück müssen wir uns noch abmühen, denn es geht teils steil durch den Wald nach oben. Dann stehen wir vor einem etwas seltsam anmutenden Gebilde, das entfernt an ein Wegkreuz erinnert und auch ein solches darstellen soll. Beim Croce die Mèlago biegen wir nach rechts ab und wandern dann relativ gemütlich der Kammlinie entlang nach Südosten. Völlig unvermittelt fällt unser Blick dabei erstmals auf die Arno-Stadt. Während uns Bologna zu Anfang tagelang begleitet hat, lässt sich die ehrwürdige Florentiner Dame bis fast ganz zum Schluss bitten.

Doch bevor wir uns der Hauptstadt der Toskana nähern, wartet noch ein echtes Highlight auf uns. Über eine langgezogene Allee erreichen wir das Santuario di Montesenario. Die burgartige Anlage ist das Stammkloster des Serviten-Ordens und bietet nicht nur Gelegenheit seinen Blick nach oben zu richten, sondern überzeugt auch mit einem grandiosen Rundumblick auf die umliegende Landschaft. Zudem betreibt das Kloster ein kleines Café mitsamt kitschigem Souvenirladen, in dem es sich gut ein paar Minuten zubringen lässt. Beschwingt wandern wir wieder hinab, vorbei am märchenhaften Klosterfriedhof.

Wir finden uns wieder auf einer langen Zentralachse, die in einem Steinkreuz endet. Hier geht es kurz nach links zu einem bienenstock- oder ofenartigen Gebäude, welches sich bei näherer Betrachtung allerdings als das komplette Gegenteil entpuppt. Der archaische Bau diente tatsächlich zur Lagerung von Eis. Der Weg führt von hier aus über die Straße nach Süden, die direkt nach Vetta le Croce führt. Wir zweigen allerdings bei erster Gelegenheit nach links ab und begeben uns auf abenteuerlichen Pfaden hinunter nach Fontanelle, da sich unsere Unterkunft auf der Via Faentina befindet. Wieder ein gefährlicher Straßenhatscher also, aber die Unterkunft Casa Palmira ist den beschwerlichen Umweg allemal wert. Das Landgut ist wirklich wunderschön und verfügt auch über einen Pool und zur Verpflegung der Wandersleute wird von der Betreiberfamilie kurzerhand eine Sammelbestellung bei der lokalen Trattoria aufgegeben. Dafür lässt man sich doch gerne fast über den Haufen fahren.

etappe 6: Olmo - Firenze

Details
Via Degli Dei – Tag 6

22 km

650 hm

zug

leicht

Es schaut ein Ende heraus.

Wir starten unsere letzte Etappe, wie sollte es auch anders sein mit einem elendigen Straßenabschnitt, auf dem wir nicht nur vor einer etwaigen Springflut gewarnt werden, sondern einer echten italienischen Umweltsau begegnen, die gerade in aller Öffentlichkeit genüsslich diverse Müllsäcke über die Leitplanke befördert. Während wir uns über das Örtchen Vetta la Croci langsam den Weg nach Fiesole ebnen, lassen wir noch einmal den Blick über die toskanische Landschaft schweifen.

Noch einmal erklimmen wir einen Hügel, namentlich den Poggio Pratone, auf dem sich mehrere Denkmäler befinden und wandern dann hinüber zu einer weniger denkmalartigen Sendeanlage. Beim Abstieg genießen wir den herrlichen Blick auf das uralte Fiesole, welches schon zu den Zeiten der Etrusker ein bedeutendes Zentrum dargestellt hat. Wer die Zeit und Muße hat, sollte sich den Ort und den dazugehörigen Archäologiepark keinesfalls entgehen lassen. Wir tangieren den Ort heute allerdings nur und biegen gleich nach der Ortstafel nach links ab. Der Weg führt uns weiter nach Süden, vorbei am lokalen Campingplatz.

Wir erreichen eine touristisch ausgebaute Felskanzel, von der angeblich Leonardo da Vinci höchstselbst einstmals erste Flugversuche unternommen haben soll. Vom Monte Ceceri steigen wir dann steil und überraschend alpin anmutend ins Tal hinab. Die letzten Kilometer zur Stadtgrenze verlaufen dann auf Feldwegen und entlang von altertümlichen Gassen. Ins Zentrum gelangen wir dann überhaupt Freestyle, denn Hinweisschilder suchen wir mittlerweile vergeblich. Vorbei an Stadion und Bahnhof bahnen wir uns aber recht souverän den Weg zu unserem Tages- und Weitwanderziel im Herzen der Stadt.

Die Piazza della Signoria können wir dabei eigentlich kaum verfehlen. Das Zentrum der Renaissance-Hauptstadt nämlich ob der Touristenmassen wirklich nicht schwer zu finden. Glücklich aber unter leichtem Kulturschock leidend wandern wir vorbei an Dom und Glockenturm und erreichen schließlich den Neptun-Brunnen am historischen Hauptplatz und damit unseren Schlusspunkt auf unserer Reise quer durch die Hügel zwischen Bologna und Florenz.

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